Accounting: Das Soll und Haben ärztlich-medizinischer Buchführung

Das Projekt von Axel Hüntelmann zu „Soll und Haben ärztlich-medizinischer Buchführung“ untersucht ärztliche Aufschreibepraktiken und -techniken im Spannungsfeld zwischen ärztlichem Wissen und ärztlicher Praxis, Verwaltung und Accounting in Deutschland und Großbritannien zwischen 1750 und 1950.

In der Praxis muss und musste der Arzt einer Vielzahl geschäftlich-administrativer Tätigkeiten nachgehen, die sich in Briefen, Kalkulationen, Abrechnungen, Kontierungen, Listen und Statistiken, Gutachten oder Geschäftsnotizen niederschlugen. Das Projekt untersucht in einem Zeit-Raum-Gefüge erstens den Inhalt der ärztlichen Buchführung, zweitens die vergangenen Praktiken und Techniken des Aufschreibens, drittens die Materialität des Aufschreibens und der ärztlich-medizinischen Buchführung, viertens die sich hinter der Buchführung verbergende Philosophie und Logik, und schließlich die Adressaten der Buchführung und – damit zusammenhängend – die Motivation.

Die verschiedenen Untersuchungsebenen sind nicht statisch voneinander getrennt, sondern die Praktiken der Berechnung und die Prozesshaftigkeit der Erhebung, Berechnung und Weitergabe von Daten ist mit der Materialität des zu beschreibenden Mediums verwoben, wie die Praktiken in Beziehung stehen zur Motivation und dem Adressaten, für den die Berechungen angestellt, die Daten erhoben werden. Ferner verändern sich die Praktiken, die Materialität und die Motive über den Untersuchungszeitraum. So kann sich ein einfaches Auflisten von Daten im Laufe der Zeit systematisieren, diese Systematisierung und Protokollierung von Daten zu einem Ritual oder zu einer Technologie der Selbstkontrolle werden, oder die orientierende Niederschrift der eigenen Einnahmen und Ausgaben kann aufgrund gesetzlicher Änderungen zu einem Instrument der Fremdkontrolle werden.

Über den Nachlass von Ärzten, Krankenhausakten, die Akten von Krankenversicherungsträger und Akten in staatlichen Archiven sollen die Geschäftsunterlagen und die Buchführung erfasst werden:

  • Welche Daten wurden für die Berechnungen herangezogen?
  • Zu welchem Zweck wurden Kosten und Einnahmen kalkuliert?
  • Wie haben sich die Praktiken, die Materialität und die Kulturen der Buchführung zum jeweiligen Zeitpunkt im Verhältnis zu früheren Zeitpunkten verändert?
  • Welche Daten wurden wie weiterverarbeitet und inwieweit flossen die erhobenen Daten auch in gesundheitspolitische Entscheidungen ein?

Das Aufschreiben, Sammeln und Verwalten ökonomischer Daten ist nur ein Teil der Buchführung, der durch die Verarbeitung und Interpretation der Daten zur Gewinnung von Informationen, die als Grundlage zur Entscheidungsfindung oder zur Legitimation von Entscheidungen dienen sollen, ergänzt wird. Die Interpretation der Daten wird allerdings maßgeblich davon beeinflusst, welche ökonomischen Daten erhoben und aufgeschrieben und wie die Daten taxonomisch angeordnet und summiert werden. Wenn wir Buchführung und die daraus resultierenden materiellen Aktanten im Sinne Latours betrachten, wie Marylin Strathern dies vorschlägt, so wäre danach zu fragen, inwieweit Buchführung als Praktik und Denkweise wiederum die Handlungsweisen des Arztes beeinflusst und verändert?

Das Projekt soll zeigen, wie über die praktische Tätigkeit der Buchführung nicht nur Verwaltungswissen generiert wurde, sondern ein (ökonomisches und administratives) Wissen, dass über Patienten und deren Behandlung mitbestimmt. Das Projekt fragt danach, wie dieser Wissenstransfer erfolgt und wie sich dieses ‚Verwaltungs’-Wissen über die Organisation des Aufgeschriebenen zwischen 1750 und 1950 verändert.