Selbsttechniken & Wissenspraktiken

in der Diabetestherapie zwischen 1900 und 1950

Dem Diabetes mellitus wurde in jüngerer Zeit nur wenig medizinhistorische Aufmerksamkeit zuteil. Eingebettet in ein historisches Standardnarrativ, das, beginnend mit Erkenntnissen systematischer physiologischer Forschung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts über die Entwicklung der Ernährungsphysiologie bis hin zur der des Insulins durch Banting und Best 1921, eine reine Fortschrittsgeschichte nachzeichnet, scheint die Geschichte des Diabetes und dessen Therapie weitestgehend erzählt.

Das Dissertationsprojekt von Oliver Falk wählt vor diesem Hintergrund einen anderen Ansatz der Beschreibung und der historischen Analyse. Im Rahmen des Projekts Paper Technologies soll angesichts der Bandbreite von experimenteller und klinischer Forschung, ärztlicher Standardtherapie, Selbstdisziplinierung des Patienten bis hin zu Vor- und Fürsorgeeinrichtungen für Diabetiker über eine deskriptive Beschreibung der Diabetestherapie hinausgegangen und deren Wandel vor dem Hintergrund von Aufschreibe- und Papiertechniken und den damit verbundenen epistemischen Effekten beschrieben werden.

Dabei spielt die Betrachtung der materialen Kultur des Diabetes und dessen Therapie eine zentrale Rolle. Der Fokus richtet sich nicht allein auf Labor-Manuals, Tagebücher, Briefe, Patientenakten oder Karteikartensystematiken (siehe Office Technologies) im institutionellen Rahmen der Behandlung. Im Mittelpunkt stehen auch die unzähligen, unter dem Schlagwort der Diätetik herausgegebenen Leitfäden, die auf die Bedeutung der Partizipation der Patienten für eine erfolgreiche Therapie verweisen. Vor diesem Hintergrund sollen die epistemischen Effekte angewendeter Selbsttechniken, die sozusagen in ihrem Vollzug (oder auch Nicht-Vollzug) Wissen generieren, herausgearbeitet werden.

Dass die Begründung der Partizipation dabei nicht ausschließlich über rein medizinische Notwendigkeiten der Behandlung erfolgt(e), sondern immer auch an zeitgenössische Präventions-, Ernährungs- und allgemeine Gesundheitsdiskurse anschloss, stellt einen weiteren Anknüpfungspunkt der Untersuchung dar. Ziel ist es, nicht nur die Geschichte der Diabetestherapie um eine Perspektive jenseits gängiger medizinhistorischer Narrative zu erweitern, sondern das Spannungsfeld zwischen Prävention und Therapie im Rahmen der am Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden Zivilisationskrankheiten und den damit verbundenen Selbstpraktiken und Eigenverantwortungen der Patienten insgesamt in den Blick zu nehmen