Projekt

Seit mehr als 500 Jahren kultivieren Amtstube und Gerichtssaal, Apotheke und Markt, Seefahrt und Bergbau, Bücherstube und Haushalt den Umgang mit Papier und Stift: Notieren und kopieren, zusammenstellen und sortieren, Listen und Tabellen aller Art  sind Techniken, um Mensch und Welt auf den Begriff und mittels Papier in den Griff zu bekommen. Aber was heißt das? Wissen wir, wie Gelehrte und Wissenschaftler, Ärzte und Juristen, Kaufleute und Beamte wissen, wie sie ihr Wissen erlangen, festhalten und weitergeben?

Die Bedeutung und Funktion der Papiertechniken am Beispiel der Medizin aufzeigen ist das Ziel des 5-jährigen Forschungsvorhabens. Wie formen die alten Techniken aus Stift und Papier das heutige Wissen – und unsere moderne Welt? Heute kommen im Labor und am Krankenbett, im Unterricht und in der Forschung zunehmend elektronische Aufzeichnungstechniken und digitale Medien zum Einsatz. Papier verschwindet. Aus dieser Perspektive einer longue duree konzentrieren wir uns auf die historischen Wege des ärztlichen Wissens im Zeitraum von 1550 bis 1950. Damit eröffnet das Forschungsvorhaben einen neuen, umfassenden historischen Zugang zu etwas, das wir eher als “Gesellschaftswissen” denn als “Sozialgeschichte des Wissens” (Burke 2000) begreifen: die Geschichte der Wissensgesellschaft.

Forschungsgegenstand sind frühneuzeitliche Observationen und moderne Krankenakten, Lepraschauzettel und Impfbescheinigungen, forensische Gutachten und fachärztliche Expertisen – kurzum das ganze Spektrum der ärztlichen Beobachtung.