Long duree

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Mit der Perspektive einer Longue duree lassen sich kulturhistorische Entwicklungslinien nachzeichnen. Dazu bedarf es allerdings taktischer und strategischer Beschränkungen, um einen Zeitraum von 500 Jahrhunderte historisch adäquat zu erfassen.

Strategisch angelegt ist die Fokussierung auf das Feld des ärztlichen Wissens und Handelns. Dieses reicht weit über die Grenzen der Praxis oder des Krankensaals hinaus – bis in die Amtstube und Gesundheitsverwaltung, in den Gerichtssaal und die Markthalle, den fürstlichen Hof und  Expertenkommission, in die naturkundliche Sammlung oder Marketingabteilung pharmazeutischer Firmen. Aufschreibsysteme verbinden die Sphären einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft. Mit ihnen lässt sich verfolgen, wie das Soziale mit dem Wissenschaftlichen, die Gesellschaft mit der Welt des Wissens zusammenhängen und in Form sozialer Praktiken unzertrennlich miteinander verschmolzen sind.

Taktisch gedacht ist die Fokussierung auf die ärztliche Beobachtung. Beobachtungen lagen und liegen in Papierform vor, werden auf diesem Wege weitergegeben, vermittelt, zu größeren Daten aggregiert und verarbeitetet. Diese Fokussierung eröffnet eine lange Perspektive: Von der brieflichen Fachkonsultation des 16. Jahrhunderts bis zur Lochkarte im 20. Jahrhundert, von den frühneuzeitlichen Sprechstunden der Armenhilfe bis zu den Attesten für die Krankenversicherungen, vom Skriptorium bis zum Schreibbüro einer Klinik, von der ars excerpendi bis zur seriellen Bearbeitung standardisierter Krankenakten. Ärztliche Beobachtungen unterscheiden sich folglich durch Form und Genre. Ebenso variieren die Bezeichnungen (Historia morbi, consilium, Fallgeschichte, Patientenakte, Sanitätsbericht, Gutachten etc) und die verwendeten Medien (Notiz- und Tagebücher, Stationsjournale und Formulare, Fieberkurven und Tabellen). Zweck und Kontext prägen das Erscheinungsbild: Von der Lehre und Übungen über die ärztliche Untersuchung bis zum forensischen Gutachten oder dem Bulletins des Leibarztes. Fallbeobachtungen sind grundlegend für das ärztlichen Denken und Handeln. Sie bilden den roten Faden einer longue duree von Papiertechniken in ihrer räumlichen, institutionellen und disziplinären Verbreitung. Die Medizin ist nicht erst in den letzten Dekaden komplex geworden. Sie bildete schon immer eine komplexe Überschneidung sehr unterschiedlicher sozialer Aktivitäten, gelehrter Bräuche, institutioneller Zielsetzungen und öffentlicher Publika.