Subjekte auf Papier

Innere Medizin in Deutschland 1890-1960

Das Projekt von Alexa Geisthövel untersucht klinische paper technology auf dem Gebiet moderner Subjektivität. Damit ist erstens das kranke Subjekt in medizinischer Programmatik und in Behandlungspraktiken angesprochen, zweitens aber auch – und davon nicht zu trennen – die Subjektivierungsprozesse bei Patienten und Ärzten im Sinne von Selbsttechniken.

Um 1900 begannen naturwissenschaftlich ausgebildete Klinikärzte, die vom Individuum absehende, rein kausal-funktionale Medizin zu problematisieren. Zentral war dabei der Gedanke, den Patienten als „ganze Person“ und als Instanz der medizinischen (Selbst-)Beobachtung zu sehen und es dem Arzt zu ermöglichen, Entstehung und Entwicklung von Erkrankungen angemessen zu verstehen und heilend zu beeinflussen. Ob und wie diese Programmatik in der Krankenbehandlung umgesetzt wurde, soll in Patientenakten, wissenschaftlichen Publikationen und privaten Aufzeichnungen verfolgt werden.

Die Forschungsperspektive ist keine ethische, die nach „Menschlichkeit“ in der Medizin fragt. Die Frage ist vielmehr, welche Funktionen solche Konzepte von Subjektmedizin in der Wissenskultur der Hochmoderne hatten.
Sie scheinen im Epochenkontext eines gesteigerten Komplexitätsbewusstseins gestanden zu haben: Krankenbehandlung hieß unter diesen Vorzeichen, den Selbststeuerungsprozess an verschiedenen Punkten zu beeinflussen (körperliche Funktionssysteme, Unbewusstes, Bewusstes), ohne dass die Wirkungen vollständig vorhersehbar waren. Patienten zur Selbstführung anzuleiten wurde zu einem wichtigen Aspekt des Arzt-Patienten-Verhältnisses.
Ein weiterer maßgeblicher gesellschaftlicher Bezugsrahmen war die Frage der Arbeitsfähigkeit. Ärzte lernten in diesem Zeitraum, medizinische Fälle als Versicherungsfälle anzusprechen und einen unmittelbaren Zusammenhang von Papier- und sozialstaatlichen Regierungstechniken herzustellen. Das Projekt untersucht, wie diese Verknüpfung klinische Abläufe veränderte, das Selbstverständnis von Ärzten herausforderte und zu therapeutischen Innovationen beitrug.

Schwerpunkt des Projektes ist die neurologische Abteilung der Medizinischen Klinik Heidelberg unter Viktor von Weizsäcker, bekannt als Medizintheoretiker und Vordenker der „anthropologischen“ oder „biographischen Medizin“. Hier liegt ein großer Bestand an Patientenakten vor, inklusive zahlreicher Gutachten für Sozialversicherungsträger und andere Auftraggeber.