Schreiben als Stadtarzt

zwischen administrativer und gelehrter Kultur

Während in der Geschichtsschreibung in ganz Europa untersucht wurde, in welcher Weise die Interaktion zwischen Ärzten, Kranken und Vertretern der Obrigkeit dazu beitrug, den medizinischen Markt oder das Gesundheits- und Sozialwesen der Frühen Neuzeit zu gestalten, wurde die Interaktion selbst, vor allem aber ihre Medien und deren Bedeutung vernachlässigt. Erst in jüngster Zeit wird dies für einzelne Genres medizinischen Schreibens diskutiert.

Wenn ein Stadtarzt, handwerklich oder universitär ausgebildet, ein Gutachten oder ein Journal schrieb, dann wurde sein Schreiben von persönlichen Faktoren wie dem jeweils aktivierten medizinischen Wissen und vorhergehender Erfahrung beeinflusst, gleichzeitig von außen geprägt durch administrative Vorgaben, gewohnheitsrechtliche und mündliche Traditionen, Anforderungen der Begutachteten und Patienten oder deren Familien. Umgekehrt deuten erste Hinweise darauf hin, dass Erfahrungen, die Ärzte in ihrer täglichen Praxis sammelten, sich wiederum in deren schriftlichen Ausführungen niederschlugen, insbesondere dann, wenn durch diese Tätigkeit nicht ärztliche Autorität etabliert oder bestätigt, sondern sogar für Vertreter der Administration fraglich wurde.

Die äußeren, teilweise auch formalen Merkmale der von Ärzten unter- und geschriebenen Papiere veränderten sich ebenso wie ihre Zahl und wesentliche Inhalte. Eine Analyse dieser Veränderungen ermöglicht Einblicke in Prozesse der Wissensgenerierung. Diese basieren auf einer gegenseitigen Durchdringung von Techniken des Schreibens und Aufschreibens, des Wirtschaftens, Verwaltens und Herrschens. Sie sind zurückzuführen auf Wechselwirkungen zwischen medizinischen, juristischen, ökonomischen Konzepten, einerseits, und individuellen Bedürfnissen, andererseits.

Das Projekt von Annemarie Kinzelbach über Stadtärzte in oberdeutschen Reichsstädten (spätes 15. bis Ende 18. Jahrhundert) setzt drei Schwerpunkte: (1) die gegenseitige Durchdringung von Verhaltensweisen und Praktiken als Stadtarzt und als Gelehrter im 16. bis 18. Jahrhundert, (2) die Wechselwirkungen zwischen juristisch-administrativen und medizinischen Konzepten und Praktiken und (3) die Beziehungen zwischen individuellen, allgemeinen oder politischen Zielsetzungen, Praktiken, Strategien.