Pathologie geschnitten und geschrieben

Die Probe stellt sich sogar als Teil von drei “Körpern” jenseits des menschlichen heraus: dem “Körper” des Instituts Pasteur (IP) in Hanoï (n°3563), dem “Körper” der Patientengruppe der Radiotherapie in Hanoï (n°163/R) und dem “Körper” der histiopathologischen Objektträgersammlung des IAP (n°10246). Alle drei Nummern erschienen in der Überschrift der Laborbucheintragungen.

Identifikation per Nummer  – möglicherweise vergleichbar mit Gefängnisinsassen, wie Nummer sechs oder auch 007 – schränkt den Einzelnen ein, der nicht länger als ein Individuum, sondern als Teil eines “Körpers” betrachtet wird. Wie bei Gefangenen wird das Gewebe eingeschränkt oder eingesperrt, nicht hinter Mauern, aber fixiert zwischen zwei Glasplättchen. Anders als Gefangene ist das Gewebe jedoch tot. Vielleicht kann diese Engführung aber auch zum Ausdruck bringen, dass Objektträger als Forschungsobjekte durchaus ein Eigenleben führen können.

Tricia Close-König will in ihrem Projekt über die Aufzeichnungs- und Klassifizierungspraktiken der Histo-Pathologie des späten 19. und 20. Jahrhunderts nachweisen, dass (und inwiefern) dies eine Wieder-Entdeckung der Anwendung und der Bestimmung von Objekten darstellt.

Histiopathologie (ein Zweig der pathologischen Anatomie/anatomischen Pathologie) kann als  Wissenschaft des Archivierens verstanden werden (Daston 2012). Untersuchung von aufgezeichneten Beobachtungen und die Verwendung von Beobachtungen verraten uns, wie die Wissenschaften mit Beobachtungen und Messdaten umgehen, wie sie alte und neue Daten zusammenbringen. Die Geschichte der Histiopathologie, die ich darstellen will, ist in Teilen auch die Fallgeschichte des wissenschaftlichen Archivierens, wie es im Strasbourg der Zwischenkriegszeit am IAP praktiziert wurde mit dem simultanen Erstellen von diagnostischen Laborberichten und von Forschungsergebnissen bzw. Erkenntnissen. Das heißt, Ergebnisse der Diagnostik wurden aufgezeichnet für administrative Zwecke, zugleich strukturierten die Aufzeichnungen in meinen Augen aber auch die Wissensproduktion bzw. Forschung selbst. Das Projekt fragt danach, wie dies bewerkstelligt wurde. Wie wurden die alten und neuen Beobachtungen miteinander verbunden bzw. gepaart? Wie wirkte die Indexierung der Gewebeproben und der histiopathologischen Objektträger entsprechend ihren Referenznummern sowie die Aufbewahrung von Laboraufzeichnungen mit an der (Wieder-)Entdeckung von wissenschaftlichen Praktiken und Herangehensweisen?